Zur Psychologie des bürgerlichen Individuums (Marxistische Gruppe/Gegenstandpunkt) – Klarstellungen zu Neurosen und Freud

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Die Psychologie des bürgerlichen Individuums (1981) von der Marxistischen Gruppe (seit Anfang der 90er „Gegenstandpunkt“) ist in drei Teile gegliedert. Es soll dargestellt werden, wie die Individuen ihre Subjektivität für die bürgerlich-kapitalistischen Verhältnisse zurechtmachen.

 

Letztere sind für sich nicht Gegenstand des Buches. Die Autoren verweisen dazu auf ihre sonstigen Schriften. Der Ausgangspunkt des Buches ist, dass Leute bei Herrschaft und Ausbeutung mitmachen. Das ist erklärenswert, denn der bürgerliche Staat setzt Privateigentum, also Ausschluss von den verfügbaren Dingen, so dass die meisten Leute gezwungen sind, sich als Lohnarbeiter/innen für das Kapital nützlich zu machen. Der herrschende Zweck in den bürgerlichen Verhältnissen ist Kapitalverwertung und nicht Bedürfnisbefriedigung.

 

Das Buch folgt in der Form und zum Teil im Inhalt Hegel. In Paragraphen wird vom Wesentlichen zu logisch nachgeordneten Phänomenen fortgeschritten. Im ersten Teil geht es sehr allgemein um die grundlegende Sichtweise auf die bürgerlichen Verhältnisse. Im zweiten Teil geht es um Ideologien und entsprechendes Tun vor allem im Berufs- und Privatleben. Im dritten Teil geht es um bestimmte psychologische Phänomene.

 

In diesem Teil geht das Buch in ein Wahnsystem über. Es folgt der eigenen Logik – gegen die Realität. Im Folgenden soll ausgeführt werden, dass die Erklärungen, die dort für Charakter, Neurosen und Wahnsinn gegeben werden, nicht zutreffend sind. Dazu wird eine Erklärung für Neurosen gegeben, die auf der Tatsache der Abhängigkeit von Kindern ihren Bezugspersonen gegenüber fußt.

 

Zuerst wird ein Überblick über das Buch gegeben. Dabei sollen einige der darin enthaltenen Gedanken genannt werden.

 

 

 

Die Psychologie des bürgerlichen Individuums

 

Der Ausgangspunkt im ersten Teil („Das moralische Individuum: Wie funktioniert ein abstrakt freier Wille“) ist, dass das Individuum in den bürgerlich-kapitalischen Verhältnissen seinen Erfolg suchen will. Es versubjektiviert die Vorgaben durch Staat und Kapital als Bedingungen für sein Erfolgsstreben und sieht die Welt als sein Mittel. Es will anständig sein, da sein Materialismus anerkannt ist; es unterwirft sich also im eigenen Interesse.

 

„Das bürgerliche Subjekt betätigt sich zwar als Seele, Bewußtsein und Intelligenz, geht aber dabei von gewaltsam geschaffenen und erhaltenen sozialen Verhältnissen aus, in denen es zurechtzukommen hat, und akkomodiert seinen Geist wie seine Taten den praktischen Beschränkungen, die sein Interesse mit seinen Gegenständen zugleich vorfindet. Es relativiert seinen Willen bezüglich der ihm aufgeherrschten Schranken – und diese Relativierung wird ihm so bewußt, daß es die Welt umgekehrt als verfügbares Material seines bereits kontrollierten Willens auffaßt, daß es so und nur so seine individuelle Freiheit genießt: das Individuum anerkennt die bürgerlichen Verhältnisse in dem, was es darf. Es legt sich die ihm aufgehalsten Schwierigkeiten einfach so zurecht, daß es dem Gesichtspunkt anhängt, immerhin zu dem befugt zu sein, was nicht verboten ist.“ (Psychologie des bürgerlichen Individuums, S. 21/22, Hervorh. im Original)

 

Einerseits hält das bürgerliche Individuum an der Vorstellung einer lohnenden Selbstkontrolle fest. Anstand führt zum Erfolg. Als Beleg dienen Vorbilder, bei denen beides zusammengeht. Andererseits ist die gegenteilige Vorstellung ebenso vorhanden; mit Anstand kommt man zu nichts, Ellenbogen sind gefragt. Es gibt laut Marxistischer Gruppe den Maßstab des materiellen Vorankommens und den der Tugend, beide werden je nach Lage angewendet.

 

Auch wenn das bürgerliche Individuum mitbekommt, dass seine Zwecke nicht zu verwirklichen sind, hält es an seinem positiven Bild der Verhältnisse fest, indem es Zwänge als Chancen sieht und die Welt als eine Ansammlung von Möglichkeiten. Es rückt bei ausbleibendem Erfolg nicht von seiner Verpflichtung auf das Erlaubte ab, sondern macht auf dieser Basis seine Interessen zu Ansprüchen, nach dem Motto: Ich halte mich ans Erlaubte, also steht mir was zu. Die individuellen Interessen werden den anerkannten Maßstäben entsprechend und dem Wohle der Allgemeinheit geschuldet präsentiert. Solcherart Heuchelei ist Programm, weil die Individuen gegen die Realität am eigenen Anstand festhalten und ihre Anliegen als Rechte sehen, die in der „ungerechten“ Welt ganz gerechtfertigt durchgesetzt werden wollen.

 

Das „moralische Individuum“ macht sich dementsprechend ein Ideal von sich selbst: Es ist anständig und tüchtig. Es hält an diesem Ideal fest, indem es sich Potential getrennt von seinen Leistungen und Resultaten zuschreibt (Selbstbewusstsein) und bezichtigt sich bei Ungenügem vor dem Ideal, ohne sich für die objektiven Gründe seiner Misserfolge zu interessieren.

 

Im zweiten Teil („Die Bewährung des bürgerlichen Individuums in seiner Heimat, der kapitalistischen Gesellschaft“) geht es um das Mitmachen in den Abteilungen der demokratischen Konkurrenzgesellschaft, d. h. um die Sicht des moralischen Subjekts auf Politik, Konkurrenz und Privatleben. Da das Individuum Zwänge und Beschränkungen versubjektiviert und aus seiner Freiheit das Beste machen will, sieht es die Welt als Entsprechung seiner „Menschennatur“: Politik schafft die Rahmenbedingungen und hält Ordnung in der Gesellschaft, Konkurrenz dient der Bewährung der Individuen, im Privatleben geht es um persönliches Glück und Erfüllung. Zu jeder dieser Abteilungen gibt es die Fortsetzungen zum Verbrechen; politischen Mord im Terrorismus, Eigentumsdelikte = Festhalten am materiellen Anspruch jenseits der Tugend, Beziehungstaten, wenn der Partner für das ausbleibende Glück verantwortlich gemacht wird.

 

Im dritten Teil („Vom Scheitern zur Selbstzerstörung – das Reich der Psychologie“) geht es um Psychologie im engeren Sinn: Charakter, Selbstbehauptung, Verrücktheit und Normalität sowie Selbstmord.

 

Ein bürgerliches Individuum legt sich laut Autoren der Psychologie des bürgerlichen Individuums einen Charakter zu, um sich und der Welt zu zeigen, wie besonders gut es mit der Welt zurechtkommt. Mit seinen mehr oder weniger zunichte gemachten Strebungen verlegt sich das bürgerliche Individuum auf sich selbst und pflegt sich persönliche Eigenheiten aus Gewohnheiten heran, die es zur Schau stellt. Es demonstriert seine Souveränität mit seinen persönlichen Besonderheiten und will darin anerkannt werden. Charakter sei eine „unablässige Selbststilisierung“ (Psychologie des bürgerlichen Individuums, S. 98) zu dem Zweck, den Respekt vor sich selbst jenseits der realen Beschränkungen zu bewahren.

 

Das Andichten von charakterlichen Eigenschaften geht ins Negative, wenn Leute sich im Scheitern in der bürgerlichen Gesellschaft, beruflich wie privat, auf sich und nicht auf die objektiven Gegebenheiten der Klassengesellschaft beziehen. Persönliche Eigenheiten, Neurosen und Wahnsinn – die Differenzen sind hinfällig, da ihnen dieselben geistigen Schritte zu Grunde liegen – sind Erfindungen von Gründen für das Vergebliche ihres Strebens im Festhalten an der eigenen Moralität. Dabei geht es den Individuen um eine prinzipielle, dem Willen vorgeschaltete Unfähigkeit zur Entschuldigung; sie wollen sich selbst und anderen zeigen, dass sie nicht besser können. So wird der Wille zum Mitmachen nicht Gegenstand der Selbstkritik.

 

Die bürgerlichen Individuen demonstrieren ihre psychischen Probleme und fordern bei ihren Mitmenschen dafür Anerkennung ein. Sie glauben dermaßen an diese ihre Erfindungen, dass sie sie z. B. in psychosomatischen Leiden wahr machen.

 

Im Selbstmord wird der Moralismus gegen sich selbst gewendet auf die Spitze getrieben. Das sich selbst tötende bürgerliche Individuum bringt sich dem eigenen „Idealismus des gelungenen moralischen Charakters“ (Psychologie des bürgerlichen Individuums, S. 134) zum Opfer. In Spekulation auf das schlechte Gewissen der Hinterbliebenen nimmt es ganz bürgerlich noch berechnend Rache für die zu Lebzeiten ausgebliebene Anerkennung.

 

 

 

Subjektivität als Resultat der Stellung zur bürgerlichen Welt

 

Der Psychologie des bürgerlichen Individuums zufolge sind Charakter und verschiedenste subjektive Regungen ausschließlich Resultat der freiwilligen Stellung des Individuums zur bürgerlichen Welt. So heißt es in Kritik an der „bügerlichen Psychologie“ im Gegensatz zur Psychologie des bürgerl. Individuums:

 

„Das bürgerliche Subjekt würde kein [bürgerlicher] Psychologe als seinen Gegenstand bezeichnen, obgleich er von nichts anderem [!] handelt und seine Beispiele bezieht als von moralischen Individuen, die sich dem Ideal des Zurechtskommens in der verrückten, häufigen, daher auch 'normalen' Form verpflichtet haben, mit sich zufrieden sein zu dürfen.“ (Psychologie des bürgerlichen Individuums S. 118)

 

Das heißt, all das, was in der Wissenschaft Psychologie an Phänomenen behandelt wird, sind nichts als Resultate aus dem Willen zum Bewähren in der bürgerlichen Welt und dem Verinnerlichen der Vorgaben derselben. Das ist laut Marxistischer Gruppe das einzig Relevante zur Erklärung subjektiver Phänomene: die geistigen Fortsetzungen der Verpflichtung „moralischer Individuen“ auf das Ideal von Zurechtkommen und dabei Zufrieden-sein mit sich selbst.

 

Das ist jedoch völlig verkehrt. Subjektivität ist abhängig von der Umgebung, in der Individuen aufwachsen – und zwar in einem ganz anderen Sinne, als davon in Psychologie des bürgerlichen Individuums die Rede ist. Dort geht es um die Stellung gegenüber der Welt der Konkurrenz, die Kindern und Jugendlichen vermittelt wird: sich ans Erlaubte halten und Erfolg suchen. Auf dieser Basis würden sie sich einen Charakter und Neurosen erfinden. Das Entscheidende in der Entwicklung von Kindern und Jugendlichen ist dagegen, inwiefern sie in einer Umgebung von wohlwollender Zuwendung aufwachsen.

 

Dieses Faktum wird in der Psychologie des bürgerlichen Individuums komplett ignoriert, was in Anbetracht der verschiedenen Phänomene, die da abgehandelt werden (Verbrechen, Charakter, Neurosen, Schizophrenie, Selbstmord usw.) bemerkenswert ist, denn das Prägende familiärer Beziehungen ist allgemein bekannt. Der Grund für das Prägende familiärer Beziehungen ist die Tatsache, dass Kinder und Jugendliche von den Erwachsenen, die für sie zuständig sind, abhängig sind. Das Kind braucht emotionale Sicherheit zur Entfaltung seiner selbst. Entscheidend ist also die Qualität der Beziehungen von den relevanten Erwachsenen – Eltern und Stiefeltern, nachgeordnet Verwandte, Lehrer usw. – zum Kind. Wird es in seinen Regungen begrüßt und werden ihm angemessene Grenzen gesetzt, oder wird ihm feindlich begegnet?

 

Solche Feindseligkeit kann offen und subtil sein: Selbstgerechte Vorwürfe gegen das Kind; Verwöhnung, wenn es gehorcht und Ignoranz, wenn es den Wünschen der Eltern nicht entspricht. Nichtbeachtung bis zu Verwahrlosung, Gewähren-lassen, wo Grenzen notwendig sind; Benachteiligung gegenüber Geschwistern; Gewalt gegen das Kind oder vor demselben; Bevormundung; Beschämung; Überbehütung, wenn die Eltern die Kinder selbst als Sicherheitsanker brauchen; Rigidität, z. B. wenn den Eltern bestimmte Regungen verhasst sind. Freude wird erstickt, z. B. wenn Eltern depressiv sind; sexueller Missbrauch; Kinder werden idealisiert, wenn sie nur in bestimmten Eigeschaften gewollt sind; sie werden als Ersatzeltern behandelt, als Zankapfel umkämpft, gegen den Partner/die Partnerin ausgespielt; usw.1

 

Solcherart Familienbeziehungen in allen möglichen Kombinationen und Graden von Massivität sind eher die Regel als die Ausnahme in den bürgerlichen Verhältnissen. Es ist außerdem der Normalfall, dass die schädliche Behandlung nicht nur vorübergehend ist, sondern langfristig, da die Ursache i.d.R. fest verwurzelte charakterliche Probleme sind. Neurotische Eltern machen neurotische Kinder, aber nicht vermittels Inhalten zur Stellung in der bürgerlichen Welt, sondern indem die Kinder für die eigenen Bedürfnisse ausgenutzt werden (meist unter Vorwänden nach dem Motto, nur das Beste für die Kinder zu wollen). Wenn Kinder z. B. auf Erfolg getrimmt werden, dann sind in erster Linie nicht die falschen Inhalte über das persönliche Bewähren in der Konkurrenz das Problem, sondern die Härte gegenüber dem Kind, insofern es dadurch mitbekommt, dass es mit Schwächen nicht erwünscht ist. Es wird dafür bestraft, dass es so ist, wie es ist.

 

Erlebt das Kind Feindseligkeit, bekommt es Angst. Das ist der Grund von Neurosen. Die Angst wird verstärkt, weil das Kind mit Wut auf seine Missachtung reagiert. „Die Feindseligkeit, die verdrängt werden muß, beschleunigt Angstgefühle, weil Feindseligkeit gefährlich ist, wenn sie sich gegen jemand richtet, von dem man sich abhängig fühlt.“ (Horney, Neue Wege in der Psychoanalyse, S. 61) Das Kind hat keinen bzw. nur eingeschränkten Raum, Vertrauen in die eigenen persönlichen Regungen, also Selbstvertrauen, zu entwickeln. Es ist in der fatalen Lage, mit den bedrohlichen Beziehungen in der Außenwelt umgehen zu müssen.2

 

Die „Lösung“ sieht so aus: Es entwickelt je nach Temperament und den elterlichen Vorgaben eine bestimmte Form der Anpassung. Im Wesentlichen kann es sich seiner Behandlung und den damit einhergehenden Ansprüchen unterordnen, feindlich reagieren oder sich zurückziehen, meist tut es alles in Kombination. Diese Anpassung sieht das Kind nicht als solche, sondern entwickelt darüber ein Ideal von sich. Obwohl bzw. gerade weil der Umgang mit der feindlichen Welt selbstverleugnende Notlösung ist, phantasiert sich das Kind darin als großartig und überlegen. Der Mensch „entrinnt dem peinlichen Gefühl der Nichtigkeit, indem er sich in seiner Einbildung in etwas Hervorragendes verwandelt.“ (Horney, Neue Wege in der Psychoanalyse, S. 74)

 

Wenn sich die Umgebung des Kindes nicht ändert, versteinert das unrealistische Selbstbild. Sicherheit gewinnt das Kind über die Selbstidealisierung gegen die Realität. Insofern ist sie lebensrettend und wird fester Bestandteil der Persönlichkeit. Das Kind fängt an, in der Phantasie und in der Wirklichkeit nach dieser Selbstüberhöhung zu leben.

 

Z. B. das Kind bzw. der Jugendliche ordnet sich dem elterlichen Anspruch nach Härte unter. Es bemerkt das jedoch nicht als Anpassung, sondern formt darüber ein Selbst-Ideal von Rücksichtlosigkeit und Gefühlskälte. Es sieht sich anderen gegenüber überlegen, weil es nicht so sentimental und nachgiebig ist. Wahrscheinlich wird es Regungen von Mitgefühl an sich selbst hassen – eine nicht versiegende Quelle von Aggressionen, deren Ursache nicht erkannt wird und die auf „Schwächlinge“ in der Außenwelt projiziert wird – und den Eltern wird dafür gedankt, dass sie einen für den Überlebenskampf stark gemacht haben. Es kann sich zur Rechtfertigung Ideologien suchen, die Konkurrenz idealisieren, also politische Ansichten pflegen, die seiner Subjektivität geschuldet sind.

 

Die bisherige Kritik an der Psychologie des bürgerlichen Individuums anhand von Zitaten daraus. Unter Paragraf 10 „Psychologische Selbstkritik: Die Techniken der Selbstbehauptung“ geht es um das Individuum, das sich einen charakterlichen Schaden als Grund für seine Unfähigkeit, in der bürgerlichen Welt anständig und erfolgreich zu sein, angedichtet hat. Die Entschuldigung vor sich, nichts für seinen Misserfolg zu können, leistet dann laut Marxistischer Gruppe einiges zur Selbstsicherheit und Befriedigung im Umgang mit dem charakterlichen Defekt. Ein solches Individuum macht sich das Leben mit und Arbeiten an dem Schaden zum Programm.

 

„Mit diesem Schaden zu leben, sich im Kampf gegen ihn zu bewähren, ist schließlich auch ein Programm, für dessen Schwierigkeit man sich selbst alle Achtung schuldet. Man „weiß“ nämlich jetzt genau, daß man sich nicht zu schämen braucht, sondern unverschämt an dem Schaden laborieren darf, für den man nun einmal nichts kann.“ (Psychologie des bürgerlichen Individuums, S. 111)

 

Die Autoren fahren fort, welche Ursachen bürgerliche Individuen für ihre Schäden angeben, wie sie also ihre Erfindung mit Vorwänden zu begründen suchen. Unter Absehung von der bürgerlichen Welt machen sie die „Umwelt“ und „Erziehung“ verantwortlich.

 

„Denn wenn man auch sonst vom bürgerlichen Getriebe nichts wissen will, weil man darauf aus ist, sich in ihm zurechtzufinden, unter dem Titel "Umwelt" und "Erziehung" macht man die "Verhältnisse" schon verantwortlich. Nämlich für die Defekte, an denen man zaust: man zählt sich als beschädigtes Ich zu den wehrlosen Opfern und wähnt sich sogar als Gesellschaftskritiker, wenn sich einem Kapital und Staat in lauter repressive, manipulative, ich-zerstörende"Repression" verwandeln, die allen Menschen guten Willens das Rückgrat brechen, was den guten Willen um seine Wirkungen bringt.“ (Psychologie des bürgerlichen Individuums, S. 111)

 

Die Vorstellung, nach der Erziehung und öffentliche Institutionen von Staat und Kapital in ihrer Repressivität psychische Probleme verursachen, ist ein Vorwand. In Wahrheit sei es allein die Entscheidung, sich ans Erlaubte zu halten und den Erfolg zu suchen, die in der Erfindung von charakterlich bedingter Unfähigkeit fortgesetzt wird. Das soll folgendermaßen erkenntlich sein:

 

„Da behaupten erwachsene Menschen ohne einen inhaltlichen Einwand gegen die Lehren ihrer Eltern und Lehrer, also möglichst ganz ohne sich auch nur dem Anschein nach anderer Auffassungen zu rühmen, sie seine von Kind auf fremdbestimmt worden und hätten daher ihre Charakterschäden bezogen.“ (Psychologie des bürgerlichen Individuums, S. 111)

 

Die Autoren der Psychologie des bürgerlichen Individuums sehen das Relevante im Geistesleben allein in Auffassungen über die individuelle Stellung zur bürgerlichen Welt. Also argumentieren sie hier, dass Leute, die solche Inhalte als ihnen vermittelte nicht kritisieren, mit der Äußerung von anderen Ursachen für ihre psychischen Probleme nur falsch liegen können. Fremdbestimmung wie Bevormundung und Unterdrückung ist keine Lehre zur Stellung zur bürg. Welt, folglich kann Kritik daran nichts anderes sein, als der Vorwand zur Entschuldigung zur fortgesetzten Bewährung in den bürgerlich-kapitalischen Verhältnissen. Mit dieser Argumentation meinen sie ihre Theorie zu bestätigen. Tatsächlich setzen sie einfach das voraus, was sie zeigen wollen, denn sie lassen nur „inhaltliche Einwände“ gelten, die sie selbst als Ursache charakterlicher Schäden sehen.

 

Was sie dagegen nicht erkennen (wollen), ist die Wucht der „Lehre“ einer Fremdbestimmung, die gegen das Kind gerichtet ist. Die negative Seite derselben heißt nämlich „In dem, was du willst – also so, wie du bist – bist Du nicht erwünscht“3. Diese Lehre spürt das Kind unmissverständlich. Sie kann mit allen möglichen Inhalten über die Stellung zur bürgerlichen Welt verknüpft sein, ob diese vom Nachkommen später geteilt werden oder nicht. Daher ist das „Rühmen anderer Auffassungen als die der Eltern“ so wenig ein Kriterium für die Berechtigung von Vorwürfen gegen die Eltern, wie die durch Fremdbestimmung verursachten Defekte Erfindungen zum Festhalten der eigenen Moralität sind.

 

Neurotische Entwicklung ist keine temporäre Verstellung, die so lange dauert, wie das Kind von den Erwachsenen wirklich abhängig ist und von der es dann wieder lassen kann. Die Anpassung und die damit verbundene Selbstidealisierung ist kein reflektierter, sondern ein unbewusster Prozess zur Abwehr bzw. Bewältigung durchdringend empfundener Hilflosigkeit. Daher chronifizieren die dabei angenommenen Züge. Das Resultat ist eine permanente Veränderung der Persönlichkeit. Freud hat einiges von diesem Prozess und Resultat erkannt, jedoch zum Teil falsch gefasst und generalisiert.

 

 

 

Freud

 

In Die Psychologie des bürgerlichen Individuums wird einleitend und im Verlauf der Ableitung die „bürgerliche Psychologie“ kritisiert. Darunter verstehen die Autoren vor allem Behaviorismus und Psychoanalyse nach Freud, ungeachtet der Tatsache, dass letztere an Hochschulen nicht mehr gelehrt wird (was 1981 wahrscheinlich noch anders aussah). Anhand der bisher dargestellten Kritik ist klar, dass sie Freud nicht gerecht werden.

 

„Das erste Prinzip [der bürgerlichen Psychologie] besteht darin, den Bemühungen und Taten der Individuen ihren objektiven Inhalt und Zweck abzustreiten. Stets handelt es sich, ergreift ein Psychologe das Wort, um eine Auseinandersetzung der Leute mit sich selbst, mit ihrer Natur zugehörigen Kräften und Instanzen, die aber ihre Wirkung so tun, daß sie der Kontrolle des bewußten Willens ganz oder teil weise entzogen sind. So gegensätzliche Schulen wie Psychoanalyse und die Verhaltenstheorie werden sich da lässig einig. Für einen Freud war es kein Problem, die literarischen Erzeugnisse eines Dostoevskij aus seinem Seelenleben samt Kindheit zu deduzieren; ihm waren Liebe und Arbeit, Studium und Kommunismus gleichermaßen als Strategien zur Vermeidung von Unlust geläufig.“ (Psychologie des bürgerlichen Individuums, S. 9)

 

Das ist einerseits richtig. Psychologie, wie sie an den Universitäten gelehrt wird, und ebenfalls Psychoanalyse, interessieren die auf das Durchkommen in den kapitalistischen Verhältnissen gerichteten Zwecke der Individuen als solche nicht. Von dem zielgerichteten Denken und Tun wird abstrahiert mit dem Ziel, Wirkungsmechanismen der menschlichen Seele herauszufinden. So kommen die herrschenden Zwänge und Beschränkungen nicht in den Blick der Wissenschaft; die Verhältnisse werden affirmiert, denn sie stehen als Entsprechung der angeblichen Menschennatur da.

 

Freuds Theorie ist für diese Methode ein Paradebeispiel. Er war stets darauf aus, allgemein menschliche Urgründe und Prinzipien für alles Denken und Handeln zu finden. Beispiele dafür sind seine Triebe: Ich-Triebe, Libido, Todestrieb, und „Prinzipien“: Realitätsprinzip, Lustprinzip. Nicht nur hat er (von ihm allerdings als solche erkannte) Symptome bei Neurosen, wie Zwänge oder Perversionen, als Umwandlungen von biologisch fundierten Trieben gesehen, sondern generell menschliches Handeln, wie Krieg, Kunst usw. Die gesellschaftlichen Verhältnisse dienen laut Freud der Einhegung der triebhaften Bestie Mensch. Horney über Freuds Schema:

 

„Den Menschen treibt es ursprungshaft und rücksichtslos zur Befriedigung gewisser Elementartriebe; diese sind so mächtig, daß sie ihn nicht nur auf direkten, sondern auch auf höchst seltsamen Abwegen den Zielen zutreiben, die sie ihm vorschreiben. Selbst wenn der Mensch glaubt, den erhabensten Gefühlen, etwa religiöser Art, nachzugehen oder sich der edelsten Tätigkeit, der Kunst oder Wissenschaft hinzugeben, dient er dennoch, ohne es zu wissen, seinen Herren, den Trieben.“ (Horney, Neue Wege in der Psychoanalyse, S. 45)

 

Freuds Idee ist sowohl in Bezug auf Neurotiker als auch generell auf menschliches Handeln verkehrt. Bzgl. ersterer gilt, dass auch die absurdesten Verhaltensweisen, wie Magersucht oder Putzzwang, ihren Grund in bestimmten, mehr oder minder bewussten Zwecken und Empfindungen haben. Sie erfüllen Funktionen im Zusammenhang einer konflikthaften Persönlichkeitanpassung. Bei der Magersucht existiert die Vorstellung von eigener Großartigkeit in dem Ideal von auf den Körper gerichteter Disziplin. Unnachgiebigkeit gegen sich selbst bzgl. Essen und Bewegung in Abgrenzung zum schäbigen, sich gehen lassenden Rest der Welt dient der Selbst-Versicherung und -Überhöhung. Verborgen darunter sind entsprechend Selbstzweifel und Unsicherheit, die oft das Resultat einer kalten, lieblosen Erziehung sind, in der Leistung gefordert wurde. Zwanghaftes Putzen kann dem unkenntlich-machen bzw. der Kompensation aggressiver Regungen dienen, die das Individuum verdrängt.

 

Andererseits ist daher die Kritik der Marxistischen Gruppe an Freud verkehrt, da die Individuen neben und bei ihrem Zurechtkommen in der kapitalistischen Welt tatsächlich mit sich selbst und der Vermeidung subjektiver Unlust beschäftigt sind. Da es für die Autoren der Psychologie des bürgerlichen Individuums keine spezifisch-subjektiven, unbewussten Bedürfnisse gibt, sehen sie bei Freud dort, wo er solche erkennt, nur das Leugnen von den „wahren“ Zielen und Zwecken. Sie gehen hier und an anderer Stelle einfach von ihrer Psychologie des bürgerlichen Individuums und den darin beschriebenen Kalkulationen als Ausschließliche aus, um Freud zu kritisieren, dass er was anderes schreibt.

 

Tatsächlich stecken in den von Freud der Menschennatur zugeschrieben Prinzipien zum Teil tiefe Erkenntnisse. So beim „Wiederholungszwang“. Freud hat an seinen Patienten beobachtet, dass sie mit ihren Mitmenschen bestimmte für sie negative Situationen immer wieder herstellen, oftmals ohne selbst zu erkennen, dass sie das tun, geschweige denn wie. Auch in der psychoanalytischen Therapie führen sie wiederholt gleichförmige Beziehungkonstellation herbei. Da sich diese bereits in der Kindheit gezeigt haben, sind es ihm zufolge Wiederholungen aus der Kindheit. Er hat dann von weiteren, ähnlichen Beobachtungen, so z. B. dass in Träumen traumatische Situationen stereotyp wiederholt werden, auf einen biologisch fundierten Wiederholungszwang geschlossen. Daran ist Freuds Denkweise erkennbar, Phänomene tautologisch zu Grunde liegenden Kräften zuzuschreiben – die entsprechenden Kräfte erfindet er allerdings.

 

Weiterhin muss man gegen Freud festhalten, dass die biologisch-physikalischen Kategorien von Strömen und Apparat, auf die er die geistigen Vorgänge zurückführen will4, völlig unpassend sind. Es handelt sich um Geistiges, das entsprechend allein in Kategorien des Geistes erklärbar ist. Freuds theoretische Bemühungen laufen darauf hinaus, Subjektives ohne Subjekt erklären zu wollen.

 

Die von Freud erkannte Wiederholung bei Neurosen hat ihren Grund in der Starrheit der neurotischen Persönlichkeit, wie Horney herausgestellt hat. Die Idealisierung seiner Anpassung gegenüber der feindlichen Umgebung sind im Selbst-Ideal verfestigt, dadurch sind die früheren schädlichen Beziehungen dem Individuum wie ein Stempel aufgedrückt.

 

„Was [den genetischen Aspekt des Psychoanalyse] anlangt, so betrachtet Freud individuelle Eigenheiten des späteren Lebensalters gern als nahezu direkte Wiederholungen infantiler Triebe oder Reaktionen; daher glaubt er, daß Störungen verschwinden, wenn die ihnen zugrundeliegenden infantilen Erlebnisse geklärt werden. Wenn wir diese einseitige Betonung des Genetischen aufgeben, erkennen wir, daß die Beziehung zwischen späteren Eigentümlichkeiten und früheren Erlebnissen komplizierter ist als Freud annimmt; es gibt nicht so etwas wie eine isolierte Wiederholung isolierter Erlebnisse, sondern die Gesamheit der infantilen Erlebnisse trägt zur Formung einer bestimmten charakterlichen Struktur bei, und aus ebendieser Struktur erwachsen spätere Schwierigkeiten.“ (Horney, Neue Wege in der Psychoanalyse, S. 8)

 

Und an einem Beispiel einer neurotischen Frau, die sich wiederholt unfair behandelt fühlte, schreibt Horney im Zusammenhang ihrer Kritik des Wiederholungszwangs:

 

„Daher war der Grund, warum die Patientin dazu neigte, sich unfair behandelt zu fühlen, nicht der, daß sie unter dem Zwange stand, vergangene Erlebnisse zu wiederholen, sondern daß ihre tatsächliche Struktur sie unausweichlich so reagieren lies. Und daher konnte der Hinweis, daß ihre jetztigen Reaktionen vor der Wirklichkeit nicht gerechtfertigt seien, ihr nicht viel helfen, da er nur die halbe Wahrheit enthielt und die in ihr selbst liegenden treibenden Faktoren übersieht, die für ihre Reaktion maßgebend waren.“ (Horney, Neue Wege in der Psychoanalyse, S. 119)

 

Die Störung zu sich selbst ist immer auch eine Störung im Umgang mit anderen Menschen. Dem neurotischen Individuum geht es um die Aktualisierung seines idealen Selbst gegen sich selbst und seine Mitmenschen. Darüber wiederholt es unbewusst frühere Beziehungsmuster. Darauf basiert Diagnostik und Therapie der Psychoanalyse.

 

Bei der Erklärung des gesamten Treibens der Menschheit als unkontrollierte Äußerung von 'unbewußten' und 'unterbewußten' Kräften stört Freud laut Marxistischer Gruppe

 

„auch nicht die Logik; dem "Unterbewußten" unterschiebt er ohne große Umstände Leistungen des Urteilens, Schließens und der Verstellung, die den bewußt-berechnenden Umgang eines denkenden Subjekts mit der Welt auszeichnen.“ (Psychologie des bürgerlichen Individuums, S. 10)

 

Es stimmt schon, nach Freud ist „das Unbewusste“ ein lokalisierbares Teilsystem im psychischen Apparat, in dem es daneben das Bewusste und Vorbewusste als weitere Teilsysteme gibt, die, wo notwendig, als Subjekte fungieren (genauso wie später Es, Ich und Über-Ich). Die falsche Konzeptualisierung ändert nichts an der Tatsache, dass Freud ganz zu Recht herausgestellt hat, dass Subjekte ohne eine Spur von Bewusstsein urteilen, Absichten verfolgen, sich das Bild der Realität hinbiegen und weitere Geistesleistungen vollbringen, die man üblicherweise nur dem bewusstem Denken unterschiebt. Unbewusste Geistesleistungen sind kein Widerspruch in sich. Das, was dem Subjekt an eigenen Regungen nicht passt, wird meist jenseits der bewussten Reflektion passend gemacht. Die weggeschobenen und übergangenen Regungen machen sich z. B. in Fehlleistungen, Phantasien und Träumen geltend.

 

Das wissen die Autoren der Marxistischen Gruppe nicht, bzw. wollen es nicht wissen. Sie stellen sich gegenüber Freud größtenteils blöd, was an folgendem Zitat erkennbar ist:

 

„Freud bestimmt zunächst Fehlleistungen als 'Gegeneinanderwirken zweier verschiedener Absichten' – und ist damit so unzufrieden, daß er seinen Lesern bzw. Hörern die Macht des "Un-Bewußten" als Grund für die von ihm behandelten Phänomene präsentiert. Am Beispiel des Traumes, wo der Verstand des Menschen nun wahrlich nicht sehr wach ist, also auch nicht mit Empfindungen, Gefühlen urteilend umgegangen wird, keine Unterscheidung zwischen Ich und Objektivität stattfindet, wo alle im wachen Zustand gemachten Erfahrungen in wild assoziierten Bildern vom Schlafenden "erinnert" werden – am Traum entwickelt Freud das Muster eines nach der Logik des tätigen und berechnenden Verstandes wirkenden Un- und Unterbewußtsein. Und außer der Fortentwicklung dieser Fehler zur Instanzenlehre, in der die 'moralischen Beschränkungen' (die wirklichen Beschränkungen treten schon gleich in ihrer versubjektivierten Gestalt auf!) zum jeder Menschenseele zugehörigen Über-Ich naturalisiert werden, von dem aus und mit dem das Betragen diverser Sexualitätsunholde 'erklärt' wird, gelingt dem großen Analytiker noch der Wurf mit den beiden Prinzipien 'Lust' und 'Realität'. Seine diesbezüglichen Argumente hätten Freud leicht auf den richtigen Weg bringen können, daß die Verfassung der 'kranken' wie 'gesunden' Subjekte, die ihm über den Weg liefen, etwas ganz anderes darstellt als einen Krieg zwischen drei Instanzen und zwei Prinzipien.“

 

Ein paar Anmerkungen dazu:

 

  • Freud ist nicht von Fehlleistungen ausgegangen, mit seiner diesbezüglichen Erklärung unzufrieden gewesen, um dann zum Unbewussten zu kommen. Freud war als Nervenarzt mit Symptomen wie Schlaflosigkeit, Unruhe, Ausfallen bestimmter geistiger Fähigkeiten, Lähmungen usw. konfrontiert. Diese waren nicht körperlich verursacht. Seine Hypothese war, dass sie auf Traumata beruhten, insbesondere „Verführungssituationen“, also Missbrauch in früheren Lebensjahren. Das Trauma löste nicht geäußerte negative Affekte aus, die verdrängt wurden und deren nachträgliches Abreagieren Heilung bringen sollte (die Idee von Geist als einem physikalischen Apparat lag dem immer zu Grunde).
  • Freud rückte dann von der Theorie der traumatischen Situation ab zu Gunsten der Idee, dass Phantasien ausschlaggebend sind. Im Resultat wäre es also gleichgültig, ob der Missbrauch tatsächlich stattgefunden hat oder eingebildet ist. Damit ist Freud dazu übergegangen, die tatsächlichen Beziehungen des Kindes weniger Gewicht beizumessen zu Gunsten der Idee einer individuellen Entwicklung aus sich heraus. Damit einher geht die Annahme verschiedener libidinöser Phasen. Durch konstitutionelle Eigenheiten, besonders starke Ausprägungen bestimmter Formen der Libido, bleibt das Kind in diesen Phasen fixiert, was Grundlage späterer Neurosen sei.
  • Gegen die Ansicht, dass Träume nichts als „wild assoziierte“ Bilder sind: Träume haben Bedeutung in Bezug auf das individuelle Geistesleben. Das ist in Hinsicht auf Träume, in denen Traumatisches wiederholt wird, augenfällig. Freud hat das nicht entdeckt, aber in Verbindung mit seiner Theorie von Neurosen systematisch ausgearbeitet. Nach ihm gibt es einen manifesten und einen latenten Trauminhalt. Ersterer ist das Traumgeschehen, so wie es der Träumer erlebt. Letzterer sind die mehr oder meist weniger bewussten Gedanken, die durch die „Traumarbeit“, von Freud in der Traumdeutung beispielhaft beschrieben, in den Traum umgewandelt werden. Dieser ist also eine komprimierte und entstellte Form meist latenter Geistesinhalte. Zurück zu den wesentlichen Traumgedanken kommt das Individuum, indem es in freier Assoziation den subjektiven Bedeutungen zu den Elementen des Traumes nachgeht.

Auf Seite 20 in Die Psychologie des bürgerlichen Individuums wird Freuds Bild – das Ich dient drei „gestrengen Herren“, dem Es, dem Über-Ich sowie der Außenwelt, und bemüht sich vergeblich, deren Anforderungen in Einklang zu bringen – zitiert. Das Triebhafte trifft vor allem auf Neurosen zu und ist nicht im Körperlichen begründet, wie Freud meinte. Die ursprünglich rettende Selbstüberhöhung wird wie oben ausgeführt zum zwanghaften Bedürfnis, da sie der subjektiven Sicherheit dient. Insofern sind die damit verbundenen Verhaltensweisen und Bedürfnisse triebhaft.

 

Wenn in der Psychologie des bürgerlichen Individuums steht, dass die wirklichen Beschränkungen beim Freud'schen Über-Ich schon gleich in ihrer versubjektivierten Gestalt auftreten, dann ist damit ein Fehler angesprochen, den die Autoren der Schrift ebenfalls machen: persönliche „Moral“ mit der gesellschaftlich herrschenden gleichzusetzen. Die Marxistische Gruppe sagt, es sind die gesetzlichen Vorgaben, die im Erfolgsstreben als Moral subjektiv übernommen werden. Freud hat, blind für die bestimmten bürgerlichen Verhältnisse, „kulturell notwendige“ Beschränkungen vor Augen und setzt diese als anthropologische Konstante mit dem Über-Ich in den menschlichen Geist. Gegen Freud muss man sagen: Ein gegen sich selbst unerbittlich verfolgtes Selbst-Ideal ist kein allgemein menschliches Phänomen, sondern ein neurotisches. „Es war einer von Freuds größten Irrtümern, die inneren Gebote (deren Haupt-Charakteristika er zum Teil erkannt und als Über-Ich beschrieben hat) als einen allgemeinen Wesenszug der Moralität zu betrachten.“ (Horney, Neurose und menschliches Wachstum, S. 79) Entgegen Freud und Marxistische Gruppe: Wo ein solches Selbst-Ideal existiert, geht der Inhalt desselben in den herrschenden Moralvorstellungen nicht auf, oft sieht es völlig anders aus. Das liegt daran, dass das Selbst-Ideal dem persönlichen Umgang mit der speziellen feindlichen Umgebung früherer Lebensjahre geschuldet ist. Der Umgang kann z. B. durch einen Rückzug von den Mitmenschen charakterisiert sein, durch Beherrschen-wollen oder durch Anschleimen. Je nachdem wird die Vorstellung z. B. in arroganter Selbstgenügsamkeit, Stärke und Rücksichtslosigkeit oder selbstgerechter Heimtücke bestehen.

 

Da schädliche Eltern-Kind-Beziehungen in bürgerlichen Gesellschaften eher die Regel sind, steht das gesamte Buch der Marxistischen Gruppe gewissermaßen auf falscher Grundlage. Die normale subjektive Gestörtheit wird nicht in Betracht gezogen. Es sind zum erheblichen Teil neurotische Individuen, die sich in der bürgerlichen Gesellschaft ihren Erfolg suchen oder über die Runden kommen wollen. Die Ideologien, wie sie in der Psychologie des bürgerlichen Individuums beschrieben sind, machen sich nicht nur, aber auch Neurotiker zu eigen. Sie stellen Wege dar, neurotische Bedürfnisse zu rechtfertigen und zu befriedigen, da sie gesellschaftlich verbreitet und durchgesetzt sind. Sie eignen sich sehr gut zur Rationalisierung, d. h. sich selbst und anderen was über die Berechtigung des eigenen Handelns vorzumachen, indem es auf objektive Notwendigkeiten zurückgeführt wird.

 

Oben wurde das Beispiel eines „autoritären Charakters“ gegeben, der Konkurrenz idealisiert. Ein weiteres Beispiel ist die Bewältigung familiärer Beziehungen durch Anpassung. Dazu passt die Vorstellung von Lebenserfüllung in trauter Zweisamkeit. Das eigene Glück kann dann absolut und ausschließlich darin gesehen werden, sich selbst auf- und einem Partner hinzugeben. Das was subjektiv notwendige Verhaltensweise ist, wird begründet mit dem Ideal der Ehe. (vgl. Paragraf 8. Privatleben: Vom Glück und seinem Scheitern in Genuß und Liebe, Psychologie des bürgerlichen Individuums, S. 77)

 

Zuletzt: Mit der Kritik sollte nicht die Vorstellung vertreten werden, dass ein gegen sich selbst unerbittlich verfolgtes Selbst-Ideal kein bürgerliches Phänomen ist. Denn es sind die Konkurrenz-Verhältnisse, in denen Kinder, vermittelt über die Familie, aufwachsen; diese zeigen sich in den familiären Beziehungen. Einerseits behandeln Eltern ihre Kinder unter anderem deswegen schlecht, weil sie die kapitalistischen Verhältnisse abbekommen (ob sie diese bejahen oder nicht) und ihre Kinder dafür zurechtmachen wollen. Andererseits folgt die Bewältigung dieser Behandlung anerkannten Maßstäben und sucht sich darin, wie in den Beispielen angesprochen, Rechtfertigung.

(– was auszuführen bleibt.)

 

 

 

Literatur

 

Die Psychologie des bürgerlichen Individuums (2001). Gegenstandpunkt Verlag, unveränderte Neuauflage der Ausgabe 1981

 

Horney, K. (1977) [1939]. Neue Wege in der Psychoanalyse (2. Auflage). München: Kindler Verlag.

 

Horney, K. (1975) [1950]. Neurose und menschliches Wachstum (2. Auflage). München: Kindler Verlag.

 

Richter, H. E. (1969) [1963] Eltern, Kind und Neurose. (2. Auflage). Die Rolles des Kindes in der Familie. Reinbeck bei Hamburg: Rowohlt Taschenbuch Verlag.

 

 

 

1 Ausführliche Beispiele finden sich bei Richter – Eltern, Kind und Neurose. An den dortigen Beispielen, in denen Kinder mit Leistungs-Idealen traktiert werden, wird deutlich, dass es schädliche Familien-Beziehungen entsprechend der kapitalistisch verfassten Gesellschaft sind.

 

2 Ich gehe der Einfachheit halber davon aus, dass die Beziehungen völlig gegen das Kind gerichtet sind. Tatsächlich sind sie meist ambivalent, es gibt von ein und derselben Bezugsperson und in der Familie insgesamt positive wie negative Bezugnahme.

 

3 Zur positiven Seite unter dem Stichwort Rollenanforderung siehe Richter – Eltern, Kind und Neurose.

 

4 Z. B. in seiner Schrift Das Unbewußte von 1915: Es gibt Systeme Unbewusst (Ubw) und Bewusst (Bw). Das ist keine Metapher oder Modell, mit dem Sachverhalte bildlich gefasst werden, auch wenn es als solches dienlich sein kann weil darin Treffendes steckt. Freud geht von diesen Systemen als Existierende aus:

„Wollen wir mit einer Topik der seelischen Akte Ernst machen, so müssen wir unser Interesse einer an dieser Stelle auftauchenden Zweifelsfrage zuwenden. Wenn ein psychischer Akt (beschränken wir uns hier auf einen solchen von der Natur einer Vorstellung) die Umsetzung aus dem System Ubw in das System Bw (oder Vbw) erfährt, sollen wir annehmen, daß mit dieser Umsetzung eine neuerliche Fixierung, gleichsam eine zweite Niederschrift der betreffenden Vorstellung verbunden ist, die also auch in einer neuen psychischen Lokalität enthalten sein kann und neben welcher die ursprüngliche, unbewußte Niederschrift fortbesteht?“

Zu „Beziehungen des seelischen Apparates zur Anatomie“:

„Es klafft hier eine Lücke, deren Ausfüllung derzeit nicht möglich ist, auch nicht zu den Aufgaben der Psychologie gehört. Unsere psychische Topik hat vorläufig [Hervorh. im Original] nichts mit der Anatomie zu tun; sie bezieht sich auf Regionen des seelischen Apparats, wo immer sie im Körper gelegen sein mögen, und nicht auf anatomische Örtlichkeiten.“

 

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